perspektive

doppelheft 78 + 79 (2014)

ISSN: 1021-9242

perspektive heft nummer 78 + 79 ist im sommer 2014 erschienen.

heft 78 + 79 als PDF-datei (2,4 MB)

 

  • redaktion: out of area
  • gestaltung: ralf b. korte
  • cover: nora tunkel
  • preis: € 10
  • abo: € 20 für 4 nummern (2 doppelnummern)

kolumnen

  • d. holland-moritz - beat box

    Dahingestellt, ob so etwas wie >instrumentalisierter Kapitalismus< von einer bißchen Bohème-, bißchen gesellschaftliches Beschäftigungsprogramm, bißchen Business-Klientelüberhaupt noch erwogen wird – das stellte man ja auch für jeden sog. linksalternativen Buchladen oder jedwede auf ihre Art profitorientierte Szenekneipe mit gegenkulturellem Anstrich in Frage … drei, zwei, eins, jeder macht seins
  • elisabeth hödl - nachrichten aus der noosphäre

    Hier also sitze ich auf meinem Außenposten in der kommunikativen Verbannung in denäußeren Seitenarmen des Universums von UBICOMPUT. Ich muss meine Reportage schreiben und von den Verhältnissen hier erzähle, muss zeigen, was sich hinter den Fassaden der Datenströme abspielt. Diese Story ist überlebenswichtig, sie ist wichtig für tausende und abertausende Menschen, denn wir müssen wissen, was passiert. Seit Tagen schon bin ich von den Kommunikationskanälen abgeschnitten. Kein Wunder. Ich suche schließlich nach der Wahrheit. Ich bin abgetaucht in den Rausch der Tiefe, erst ins Deep Web dann ins Dark Web. Da war ich auf der Silk Road spazieren. Wie immer eine Nuance zu kokett, war ich mit den sinnlichen Schwingungssystemen des pulsierenden Daten-Traffics verbunden. Ich nutze die Nahsinne zur Sensorik. Der Tastsinn schlägt alles.
  • sylvia egger - axit - die betriebskantine

    so ein verhau! da ist ihm nach auffinden des einzigen lesers seiner bücher. dieser auch gleich wieder weggestorben. so startet der protagonist mortensen in steinfests ein sturer hund in den text. der leser verliert darin sofort kopf und kragen und seine letzte ruhestätte: ein privat-aquarium. bei weitem nicht die business-lounge. die sich der stets animierbare leser und sales-man auf der frankfurter buchmesse mitten im story-drive-in platz wünscht. networking at it‘s best – der sprachliche code auf der buchmesse wird gleich mitgeliefert: vom wake-up call über masterclasses. speed datings und ceo-talks wird alles quite on the cash line angeboten. peer-grooming auf augenhöhe mit eingeschlossen. frei nach dem motto-zoo: get inspired / get connected / get ahead / get around / but feed at home!

texte

  • ralf b korte - schreiboberschüler unter sich

    kommt schreibstoff raus wenn schreibende schreiben wie sie schreibende finden. kommt sich selbst erfüllendes prophezeien heraus wenn einer der schreibt beschreibt wovon & wie schreibende schreiben die derzeit noch mitschreiben dürfen … am 23.01.14 setzt florian kessler in die Zeit: „Jede Bildungsreisen-Rentnergruppe im Berliner Ensemble unterhält sich inhaltlich angeregter als die jungen Schriftsteller dieses Landes. Es ist unübersehbar, dass die Gegenwartsliteraten einen Funktionswandel durchmachen, der sich auch auf ihr Schreiben auswirken muss: Noch nie hat sich Konformität für sie so sehr ausgezahlt wie heute.“ worauf christoph schröder eine woche später am gleichen publikationsort repliziert:„Durchtrieben, ja geradezu perfide wird Kesslers Beitrag dadurch, dass er im Grunde genommen keine explizite These hat, sondern die Produktionsbedingungen von Literatur, so wie sie von Kessler wahrgenommen werden, schlicht und einfach beschreibt. Sogar die Frage, ob all das satirisch überhöht ist oder nicht, lässt der Text offen.“
  • verena mermer - women's day

    ein muss: money and a room of her own if she is to write fiction / all die störungen ansonsten: fernseherflimmern, love songs aus dem radio. dogs will bark, people interrupt, ein anruf vom arbeitsamt, money must be made – ein stapel korrekturfahnen zieht energie ab und bringt 100 €. judith hat talent und ziele;
  • d. holland-moritz - das delta 5

    Und zum Stichwort ALLGEGENWART: „Woher kommen wir? Wohin gehen wir? Is’ es denn noch weit?“Die Strecke schien sich vor >Further<, dem Bus der Merry Pranksters, endlos hinzudehnen. Zunehmend durch eine weite, fahle Aschenlandschaft mit verkohlten und zersplitterten Bäumen.„Ich bin noch drauf“, blinzelte Shoemaker jetzt ins Sonnenlicht, das von den Bergen reflektierte, und versuchte zurechtzukommen.
  • thomas antonic - j'accuse bullshit

    Es ist ein Irrtum, dass es menschlich sei, sich nach etwas zu sehnen; der Vergangenheit nachzutrauern; sich vor der Zukunft zu fürchten; überhaupt Angst zu verspüren; Literatur oder Kunst im Allgemeinen als Sublimierung von Triebunterdrückung zu produzieren; Wut zu verspüren; an Gott zu glauben; an etwas Metaphysisches; jemandem zu gehorchen; die Verantwortung einem Vorgesetzten, einem oder einer in der Familienhierarchie Höherstehenden oder der Politik zu übertragen; Minderwertigkeitsgefühle gegenüber Autoritäten zu haben; gehorsam zu sein; gehemmt zu sein; schüchtern und introvertiert zu sein; nervös zu sein; gebückt zu gehen; einen Tick zu haben;
  • kay pohl - aus meiner literaturwergstatt

    »Surfen, simsen, klicken, tippen, bis es wehtut: Die oberen Extremitäten mutieren zu Maus-Armen, SMS-Daumen und Handy-Ellenbogen. Erst kommt es zu Mikroverletzungen, dann zu schmerzhaften Bärenkoliken.«
  • lilly jäckl - spy files #3

    Der Himmel klaffte aus versponnenen Nähten, als er spätnachts im Film Noir seiner exkommunistischen Heimatstadt als Fremder um die Ecke bog. Den Kragen tiefer an die nassen Ohren klemmend. Den Blick gesenkt im Pflasterstein-Boogie der eignen Einsamkeit verhangen, eignen Füßen nachtrippelnd, die ihn um die Ecke biegen ließen, um dann weiter die menschenleere Straße runterzuhetzen.
  • su tiqqun - industrie

    bin ich ein idol? Oder bin ich 1 bild ? bildhübsch | in haft eines bildes das mann von mir hat | in haft eines mannes der ein bild von mir hat | in bildhaft | ein bild das er gemacht hat von mir | ein bild das mich eckig | rund oder oval sieht | weil ich format brauche | weil ich passen muß | gerahmt | in einem passepartout | anwesend aber trotzdem abwesend | ein abdruck | ein abzug | ein hunderstel mit 5,6 brennweite | radiert & kopiert auf kontaktpapier | ein abbild || mich wollte er ja nicht | dafür hat er ein bild von mir | und wenn ich aus dem rahmen falle oder rein | bin ich kein bild mehr | dann bin ich eine gefallene | dem wandnagel sei dank | er hat nicht gehalten | der nagel | er ist abgebrochen
  • stefan schweiger - heroin im rheinkanal

    knöcheltief im widerlichen wasser, das eine starke gegenströmung aufwies, dort unten, in den halbkreisförmigen, nur zwei meter hohen bögen, wie schmutzige klinkerbauten anmutend, auch hier gab es keine antwort mehr. du hattest
  • jordis brook - sneewittchen 1-3

    sneewittchen im businessdress selbstoptimiert hinter glas im feuchten gestank der businessnerds zwangsbeatmet
  • robert steinle - notizblog

    bei der öffentlichen zahlenlottoziehung an diesem donnerstag wurden folgende fünf nummern gezogen: 51, 61, 25, 32, 36. gleichzeitig, am 26. dezember 2013 hat das ich plötzlich, wie aus dem heiteren himmel heraus mit diesen zeichen, sätzen angefangen. man könnte auch sagen, ein schlechtes zusammentreffen der wörter, der buchstaben, die manchmal unangenehme konstellationen eingehen. denen sollte man, wenn man noch ganz bei t.rost ist, aber keinen glauben schenken.
  • arlette-louise ndakoze - kratziger schwarzer rollkragenpullover

    Funken. Erhitzte Strahlen. Hinter dem Dotter dreht sich die Gefahr im Bett um. Auf die brüchige Seite des Lattenrostes. Das vergisst sie immer in schlaftrunkenen Momenten. Aber sie ahnt es. Sie ahnt es eigentlich immer. Der Rost, er wird nicht lange halten. Etwas hält ihre Sinne zusammen. Die Wärme, wo ist sie hin? Sie langt danach, betastet sie mit den Hinteraugen, da, hat sie sie, zieht den Zipfel Daunen über ihr Gewebe, greift mit der Hand unter die Masse freigesetzter Endorphinen, klopft ihr Kissen weich. Jetzt. Jetzt. Ein anderes Wort für damals.
  • stefan schmitzer - sandkastnmaschinen

    er würde eine maschine gebaut haben aus was rumlag aus schaufelchen und eimerchen und gießkännchen aus ästchen und eichelchen und plastikplanenfetzen die sandkiste wär groß so groß so unaushaltbar groß gewesen die andern kinder weit so weit weit weg so unaushaltbar weit
  • mario oppelmayer - der emanzipierte film

    Der emanzipierte, süße Film vom manischen Wahn verpufft wie der saloppe Schall des politisch sorgenden Schusses durch den vulgären Schriftzug der zischenden Bierdose des mich verfolgenden Rechtsradikalen. Ich steige herab vom Therapiegebirge introspektiver Macht. Hoher Seegang vor der Küste. Im Hafen läuft das Establishment erregt zusammen zu einem Meeting, das alle kapitalismuskonformen Parteien eint.

helicopter project

  • mark kanak - 14 szenarien

    Fangen wir also hiermit an: Der Saab Sonett Super Sport – wie er zuerst genannt wurde – war ein offener, zweisitziger Wettkampf-Sportwagen.Mein Hund war von einem dicken (dünnen, gut aussehenden) Typen in einem Sonett überfahren worden, einem Typen der einen grossen Hut mit Federn trug, viel zu schnell gefahren war und auch noch ‘La ci darem la mano’ sang, wie er davon fuhr. Das war ja ein Ding…
  • szenarien von

    ames antonic brook crauss draeger ebel egger ganglbauer göllner hödl höfler holland-moritz huber jäckl kasper kilic&widhalm korte neuner papenfuß pessl pohl ratia reyer rinck schittko schlotmann schmitzer schranz schweiger sperl steinbacher steinle stolterfoht sturmvogel tiqqun vallaster volkert waehner warnke waschkau werder
  • heinrich dubel - helikopter hysterie

    Die Morgenluft ist vom Getöse der aufheulenden Motoren erfüllt. Rotorblätter werfen unheilvolle Schatten. Woher stammen diese Zeilen? Ich weiß es nicht. Vermutlich habe ich sie irgendwo gelesen. Vielleicht gehören sie als Bildunterschrift zu einem der zahlreichen Zeitungsbilder oder clippings, die sich im Archiv angesammelt haben. Dort finden sich großformatige Farbfotos neben winzigen schwarz-weißen Schnipseln, die zunächst in dicken Alben (später auch digital) archiviert wurden. Es sind tausende, und alle zeigen Hubschrauber. Rotorblätter werfen unheilvolle Schatten, die ich erstmals während eines Aufenthalts in San Francisco im Jahre1987 gewahrte. Alles begann mit einem schwarzweißen, viertelbogengroßen United-Press-Photo, abgedruckt in einem Exemplar des San Francisco Examiner, das auf dem Küchentisch lag. Es zeigte einen havarierten Hubschrauber, der auf der Seite liegt, das Landegestell eingeknickt, der Rotorkopf zerschlagen – Bildunterschrift:‘Helicopter blade of chopper that killed Morrow & the two children lies in the foreground.’